Nachfolge Christi

Geschrieben von Gü. Veröffentlicht in Religion und Mystik

Nach allem, was wir bisher gesagt haben, ist die ‚Nachfolge Christi’ eine zweifelhafte Angelegenheit. Welchen Christus meinen wir, wenn wir uns in seine ‚Nachfolge’ stellen? Und welchen Weg wollen wir gehen, wenn nicht klar ist, ob er nicht direkt in den Untergang mündet, früher oder später, wie es angeblich Jesus von Nazareth bestimmt war? Was aber, wenn es gar nicht um die Kreuzigung ging, sondern um eine andere Lebensweise, um eine Auffassung von Miteinander und Menschlichkeit, in der Nächstenliebe eine neue Bedeutung hat? Dann wäre die Nachfolge Christi ganz einfach, scheint es. Doch das ist sie nicht.

Wir haben als Menschheit in den vergangenen Jahrhunderten auf dem Weg einer echten christlichen Lebensweise große Fortschritte gemacht. Davon bin ich überzeugt, wenn ich an die Charta der Vereinten Nationen und die Menschenrechte denke. Da ist mir nicht bange, wenn ich an eine Zukunft glaube, die uns in ein neues Zeitalter führen wird. Wir sind dabei, es zu erschaffen, auch wenn wir nicht mehr von Nachfolge Christi sprechen. Ja, selbst dann, wenn die christlichen Kirchen abgeschafft oder mangels Nachfolger auf die Ebene unbedeutender Sekten herab sinken würden, wären wir auf einem Weg, den wir wohl als ‚Nachfolge Christi’ im Sinn der Nächstenliebe bezeichnen dürften. Das möchte ich im Folgenden ausführen.

Die Nachfolge Christi als solche ist undefiniert. Wir können darunter verstehen, was wir wollen. Wir können uns an die Bibel halten und aus der Sammlung überlieferter Texte heraussuchen, was uns gefällt. Und auch dann wäre ein Weg, wie ihn (der biblische) Jesus von Nazareth beschritten hat, nicht für die Allgemeinheit gangbar. Oder wollen wir, dass Jedermann sich als Wanderprediger betätigt und die ‚neue Zeit’ verkündigt? Wohl kaum. Auch dann könnte man nur sinngemäß eine ‚Nachfolge Christi’ definieren. Oder sagen wir besser: erahnen.

Oder wir könnten darauf warten, dass neue Dokumente aus der Zeit des Urchristentums auftauchen, wie beispielsweise das Thomasevangelium oder die Schriftrollen vom Toten Meer, die angeblich Gedankengut der Essener wiedergeben. Doch auch dann, wenn wir neue Erkenntnisse über die wirklichen Geschehnisse zur Zeit Jesu in Palästina hätten, wären wir kaum besser dran als jetzt: Wir müssten auf jeden Fall selbst bestimmen, wie wir sie verstehen wollten. Oder es uns wieder von irgendwelchen Organisationen vorschreiben lassen. Diese Wahl bleibt uns auferlegt, ganz gleich, wie wortgetreu wir die ‚christliche Botschaft’ auffassen wollen.

Wir sind also demselben Dilemma ausgesetzt, dem die Jünger Jesu von Anfang an unterworfen waren: Wir müssen selbst entscheiden, was wir glauben wollen. Und diese Entscheidung war auch den Aposteln nicht erspart worden, wie uns die frühen, noch erhaltenen Zeugnisse der christlichen Urgemeinden zeigen – nachzulesen in der Apostelgeschichte wie in den Briefen an verschiedene christliche Gemeinden, die uns in der Bibel erhalten geblieben sind. Es gab Streit unter den Aposteln über den rechten Weg auch, und zwar erheblichen Streit. Und Paulus war dabei wohl nicht immer auf dem Weg, den Jesus vorgezeichnet hatte. Und Petrus möglicherweise auch nicht, zumindest den biblischen Berichten nach.

Und da ist unser heutiges Dilemma kein anderes als das der vielen Generationen gläubiger Christen vor uns: Wir wissen nicht zweifelsfrei, was Christus uns vorgelebt hat, was ER von uns fordern würde, wenn er heute die Welt belehren würde. Und möglicherweise würde ER uns darauf hinweisen, dass seit Urzeiten der Glaube des Menschen immer ein persönlicher Glaube gewesen ist – trotz aller Offenbarungen der Propheten und anderer Glaubenslehrer, christlich oder nicht.

So haben also auch die christlichen Kirchen in ihrer Geschichte immer wieder lebendige Beispiele von Glaubenslehren hervorgebracht, die eine große Ausstrahlung hatten. Nehmen wir zum Beispiel Augustinus, wie Paulus ein ‚Bekehrter’: Seine Botschaft war unverrückbar eine christliche, auch wenn sie sich nicht am Urchristentum orientierte. Ich denke da vor allem an sein Bild vom ‚Inneren Lehrer’, das noch heute zeitgemäß ist. Oder an die praktischen Lehren einer Hildegard von Bingen, die heute wieder modern geworden sind: Heilmittel nach ihren Anweisungen, mehr oder weniger wortgetreu erstellt, sind zuhauf auf dem Markt zu haben. Weniger bekannt geworden ist ihre Verknüpfung von Krankheiten mit den gelebten ethischen Werten. Wer käme heute auf den Gedanken, dass ein Verstoß gegen die christlichen Normen ein direkter Angriff auf gewisse innere Organe wäre? Möglicherweise war es in der Zeit, in der Hildegard von Bingen gelebt und gewirkt hat (also im 12. Jahrhundert) weitaus üblicher, sich um eine 'gottgefällige Lebensweise' zu bemühen: Sei es aus eigenem Antrieb, sei es aus Angst vor den 'höllischen Strafen', mit denen damals reichlich gedroht wurde.

Auch später noch hat die weströmische Kirche Lehrer hervorgebracht, denen wir eine göttliche Inspiration zuschreiben können. Doch auch hier ist die Auswahl eine persönliche und keineswegs normativ. Ich würde Franz von Assissi dazu zählen ebenso wie Martin Luther, die beide eine Rückbesinnung auf urchristliche Werte gefordert haben, nicht nur für die Amtspersonen der Kirche, doch für diese zuerst.

Spätestens nach der Zeit der Aufklärung, vor allem aber im Gefolge der Glaubenskriege in Europa im 16. Jahrhundert, verlor die Kirche nach und nach ihre zentrale Stellung im Gemeinwesen, aber auch ihre Machtposition im globalen Maßstab. Zum offenen Bruch zwischen der Kirche – besser gesagt nun: zwischen den Kirchen – und der Gesellschaft kam es im Zeitalter der Industrialisierung, als sich sowohl in der Wissenschaft als auch in der Soziallehre eine dramatische Emanzipation von den kirchlichen Lehren Raum schaffte. Beispielhaft dafür mögen Charles Darwin und Karl Marx stehen. Der Eine brachte die Wissenschaft auf dem Gebiet der Evolutionstheorie gegen die Kirche in Stellung, der Andere schließlich schuf eine Gesellschaftstheorie, in der die Kirche keinen Platz mehr hatte.

Doch auch der Kapitalismus, wie er im 19. Jahrhundert entstand, hatte bestenfalls noch Anklänge oder Bezüge zur alttestamentarischen Moralauffassung – gottgefällig ist, wer erfolgreich ist! -, im Grund aber nicht einmal dies. Denn der Kapitalismus hat mit DEM KAPITAL eine gesellschaftliche Größe geschaffen, die nicht mehr menschlich ist. Angeblich soll das Kapital Werte schaffen, bei denen der Mensch nur noch eine zweitrangige Rolle spielt. Doch auch die marxistische Auffassung von der Rolle DER ARBEIT in der Gesellschaft war eine abstrakte, die den Menschen mehr in der MASSE als in seiner Individualität ansprach.

Wir haben es im 19. Jahrhundert mit einer neuen Ideenwelt zu tun, die sich abseits der christlichen Lehren entwickelte. Und völlig im Abseits finden wir schließlich Adolf Hitler, dessen Ideen vom deutsch-germanischen Übermenschentum den christlichen Idealen gänzlich Hohn sprach. So mag es nicht verwundern, dass nun doch noch die Kirchen in der Lage waren, eine christlich-soziale Marktlehre hervorzubringen, der wir heutzutage wieder zuneigen, auch wenn sie im Widerstreit mit neokapitalistischen Vorstellungen steht und noch keineswegs bestimmend für die weitere gesellschaftspolitische Entwicklung ist. Nicht im globalen Maßstab, wohl aber in Europa.

Andererseits hat die Entwicklung der Menschenrechte im Gefolge des Zweiten Weltkrieges gezeigt, dass wir langfristig wohl doch mit einer humanen Gesellschaft rechnen, zumindest aber auf sie hoffen dürfen.

Nun kommen aber neue Gedanken ins Spiel, die wir noch nicht so recht fassen, geschweige denn einordnen können. Was ist von der Vorstellung zu halten, dass Mensch in das Erbgut der menschlichen Rasse eingreifen kann und es zum Nutzen der Menschheit auch tun soll? Ist das wirklich ein Weg, in Zukunft Krankheiten auszumerzen und bessere Menschen zu schaffen, die ein maßgeschneidertes Erbgut in sich tragen? Ist hier nicht ein Eingriff in die göttliche Ordnung einer überragenden, wohlgeordneten Schöpfung im Gange, der uns alle ins Verderben führen kann? Vor allem dann, wenn die eigentliche Triebfeder solcher genetischen Manipulationen der Profit einzelner Gesellschaften ist, der nur vordergründig mit humanen Zielen kaschiert wird? Oder wenn zwischen solchen Gesellschaften ein Wettbewerb darüber stattfindet, wer sich zuerst die Patente auf einzelne Abschnitte des menschlichen wie tierischen Erbgutes gesichert hat? Kann das noch im Sinn einer christlichen Werteordnung sein, die wir doch im Westen noch weithin als für uns bestimmend behaupten?

Nun, ich denken, dass wir noch nicht abschließend darüber urteilen können, doch eines scheint mir klar: Die Menschheit experimentiert in großem und noch größerem Maßstab mit Ideen, die sie in materielle Erscheinungsformen umsetzt. Und wie es scheint, sind ihr dabei kaum Grenzen gesetzt. Selbst der Weltraum ist in Gefahr, in das menschliche Experimentierfeld einbezogen zu werden. Solche Experimente mögen gelingen, wie es im Fall der Kernspaltung möglich war, der Menschheit Zugang zu neuartigen Energiequellen zu erschließen, die alles bisher Mögliche weit übertroffen haben. Und wieder wurden die Erfindungen zuerst im Krieg genutzt, bevor man sich darauf geeinigt hat, sich auf die friedliche Anwendung zu beschränken – wiewohl es noch massenhaft Atomwaffen gibt, von denen wir hoffen, dass sie unter staatlicher Kontrolle stehen, und die betreffenden Staaten keinen Gebrauch davon machen!

Bis wir nun neuerdings zur Überzeugung gelangen dürften, dass der Mensch NICHT in der Lage ist, das alles wirklich zu kontrollieren, was in der Natur wohlgeordnet und harmonisch abgestimmt funktioniert, wenn der Mensch nicht eingreift. Das ist die 'Botschaft', die von der Erfindung und Entwicklung der Kernenergie ausgeht. Und wahrscheinlich wird ihre Anwendung in nicht zu ferner Zukunft genau so international geächtet werden, wie es im Fall der Giftgaswaffen im vergangenen Jahrhundert geschehen ist. Denn, so scheint es, wir sind immer noch und wohl eher zunehmend in der Rolle jenes berühmten Zauberlehrlings, den Goethe so wunderbar charakterisiert hat: Die Geister, die er rief, ward er nicht mehr los. Nicht ohne den Eingriff eines größeren Meisters.

Nun, dieser 'größere Meister' hat damals eingegriffen, als der Christusgeist die Welt erschüttert und eine Zeitenwende eingeleitet hat. Mag sein, dass wir eine ähnliche Erschütterung brauchen, um die Probleme lösen zu können, die wir auf dem Weg unserer Entwicklung geschaffen haben.

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