Das Gesunden der Aggressivität des Menschen

Geschrieben von Super User. Veröffentlicht in Gesunde Systeme

Das System, das uns am meisten beschäftigt und noch lange beschäftigen wird, ist der menschliche Körper oder, in moderner Ausdrucksweise, sein Organismus.

Nun ist jedem ersichtlich, oder dürfte zumindest einleuchten, dass Körper und Organismus zwei Paar Stiefel sind. Denn 'Körper' ist das, was wir sehen, und dieser Begriff bezeichnet im Grunde etwas Kompaktes, Zusammengehöriges, das wir zu unterscheiden vermögen von seiner Umgebung und von dem, was nicht zu ihm gehört.

Dagegen ist 'Organismus' die Vielheit der körperlichen Organsysteme in ihrem Zusammenspiel, wie es sich für einen '-ismus' gehört. Das, was uns an unserem Körper am meisten beeindruckt, ist seine Unversehrtheit und die Kunst, diese zu bewahren in einer Welt, die das Versehren mehr betreibt als uns allen lieb ist.

 

Das zeigt sich vor allem auch in den sozialen Systemen und in ihrer Problematik des Gesundbleibens, weil hier die Ansichten darüber, was bei einem Sozialwesen Gesundheit bedeutet, weit auseinander klaffen. Und doch sind solcherlei Ansichten zu allen Zeiten erarbeitet und veröffentlicht worden und haben sich eingeprägt in das Menschheitsempfinden. Von dort tauchen sie immer wieder auf und geben sich kund und zu erkennen als Tendenzen zur normativen Verhaltensweise.

Denn das, was man sein soll, ist offenbar verknüpft mit dem, was in einem Sozialwesen als wünschenswert betrachtet wird, und so sind die normativen Aspekte eines Sozialwesens das, was die gesellschaftlichen Gepflogenheiten, Sitten und Gebräuche motiviert und was sich in modernen Zivilisationen in einer (schriftlich fixierten) Rechtsprechung und deren Gesetzes- und Regelwerk niedergeschlagen hat.

Gleichzeitig besteht ein inhärenter Widerspruch zwischen dem, was gegenwärtig als rechtens empfunden wird, und dem, worauf sich die Gesellschaft als verbrieftes Recht geeinigt hat. Das Recht, wie es empfunden und gehandhabt wird, ist mobil und bewegt und verändert sich in einem dynamischen Prozess, der vor- und zurückschreiten kann - und dies zumeist auch tut, wie man gegenwärtig wieder sehen kann, wenn man die Diskussionen über die Rechtmäßigkeit des Angriffes auf den souveränen Staat Jugoslawien[1] verfolgt und hier insbesondere auf die Einstellung zum Krieg als 'Ultima Ratio' der Politik. Andere Beispiele drängen sich mir auf, wenn ich an die fundamentalistischen Bestrebungen in manchen Staaten denke, oder auch an die Einstellung zur Todesstrafe in fortschrittlichen Zivilisationen wie den USA.

So gesehen ist das Gesetzeswerk kein Fixpunkt, sondern allenfalls ein Rahmen, in dem sich die Interpretation der amtlichen Rechtsprechung bewegt (oder bewegen sollte, denn er kann auch leicht außer Kraft gesetzt werden, wie dies bei diktatorischen Regimen der Fall zu sein pflegt).

So erklären sich auch gewisse Verhaltensweisen, die während der Kosovokrise zu beobachten waren, und die manche Kommentatoren schlicht als 'archaisch” bezeichneten und damit den Rückfall in barbarische Zustände des Mordens und Metzelns auf der einen Seite und des Hightech Bombardierens auf der anderen Seite meinten. Dabei scheint alles davon abzuhängen, wie die aggressive Stimmung oder die Grundstimmung einer Bevölkerung ist und wie diese angeheizt wird durch die Verletzungen, die man sich verbal oder körperlich in solchen Zeiten der Spannung und ihrer kriegerischen Entladung gegenseitig antut.

Das ist nun nicht erhebend für diejenigen, die den Menschen als ein vernunftbegabtes Wesen sehen möchten, und die sich einbilden, der Mensch könne sich über seine niederen Instinkte endlich erheben und sich zu edleren Verhaltensweisen aufschwingen. Das mag wohl sein, dass wir uns dies mehrheitlich wünschen, und doch kann ich nicht sehen, wie wir dieses Ziel erreichen wollen, bevor wir es nicht geschafft haben, uns Werkzeuge der Spannungsentladung zu beschaffen - und dies gilt individuell wie kollektiv – und auf Gewaltanwendung in der uns bekannten und geläufigen Weise verzichten.

Und so ist nach wie vor die Frage ungelöst, wie es immer wieder, und in der Geschichte sehr häufig, zu diesen kriegerischen Auseinandersetzungen kommen kann und wie die Tatsache zu erklären ist, dass seit dem Zweiten Weltkrieg in 'kleinen', ach so begrenzten Konflikten mehr Menschen getötet wurden als in beiden Weltkriegen zusammen. Das macht betroffen und trifft jeden, der die Vernunft in sich kultiviert und sich dies für seine Zeitgenossen ebenso wünscht.

Damit kommen wir zum eigentlichen Punkt dieses Kapitels und stellen uns die Frage, wie es zu erklären ist, dass wir uns so gerne und so häufig und so intensiv 'aufs Haupt schlagen' (wie man in der alten Sprache zu sagen pflegte) und des Schlagens nicht müde werden und zu Schlägern oder deren Opfern werden.

Und so war das Schlimme an der Kosovokrise, wie auch zuvor in den anderen Krisen, die uns weltweit erreicht, beschäftigt und entflammt haben, nicht das Töten oder das Ausmaß der Gräuel - denn daran haben wir uns doch schon gewöhnt - sondern es war die Hilflosigkeit, mit der wir diese Gräuel mit ansehen mussten. Dieses 'Mit-Ansehen' ist durch die moderne Technologie so leibhaftig über uns gekommen, dass wir buchstäblich davon erdrückt werden, wenn uns die Bilder beim Abendessen ins Gemüt flimmern und uns im Untergründigen erreichen und peitschen ganz so, als ob wir dabei wären.

Denn das vergessen wir sehr häufig, dass wir Mitbetroffene sind in einer Weise, die wir heute kaum mehr zu verstehen vermögen, und die nicht nur daher rührt, dass unsere modernen Kommunikationsmittel uns so intensiv und weitreichend mit Informationen versorgen. Das ist das Eine, gewiss, und man kann es anschauen und sich anschaulich machen, und es ist bekannt und niemand wundert sich darüber.

Doch das Andere ist uns seit langem schon entfallen, und war doch zu alten Zeiten gewusst, nämlich die Tatsache, dass wir alle zusammenhängen und einen großen Volkskörper bilden - den der Menschen, genannt die Menschheit - und dass dieser Volkskörper auf alle Zuckungen in seinem Inneren ebenso reagiert, wie wir uns zusammenziehen und krümmen, wenn eines unserer Organe verletzt wird.

Und so komme ich wieder einmal zu meinem Thema und wiederhole die Aussage, dass wir keine Gesundheit in dieser Zeit erreichen werden, solange es irgendwo Ungesunde gibt auf der Welt.

So mag man noch so sehr darüber spekulieren, wie man dies oder das vermeiden könnte, oder wie man es anders machen könnte, und wie man eine bessere Politik machen könnte in jenen Teilen der Welt, wenn in anderen Teilen der Welt die Gewalttätigkeit überhand nimmt und sich freien Lauf bahnt und sich keinen Zwang antut und sich aggressiv bis ins Äußerste steigert und schließlich sogar gegen die eigenen Artgenossen vorgeht.

Und dies haben wir zuletzt mehrfach erlebt in den Balkankonflikten, und wir erleben es in den Nahostkrisen, und erleben es in ethnischen, religiösen und politischen Auseinandersetzungen rund um den Globus.

Und so mag mancher zu dem Schluss kommen, dass wir ein bedauernswerter 'Körper' sind, weil wir in dieser Art und Weise zusammenhängen, und wir es uns nicht in diesem Winkel der Welt paradiesisch einrichten können, wie wir das gerne tun würden, sondern dass Begriffe wie die Erste Welt und die Zweite Welt und die Dritte Welt nichts weiter sind als eine stumpfsinnige Zählweise, die uns zeitweise darüber hinwegtäuschen mag, dass wir schließlich und endlich alle im selben Boot sitzen.

Und das ist nun nichts Neues, sondern ein Altbekanntes, denn es ist uns gesagt worden von Anfang an, und es ist in den ökologischen Krisen der letzten Jahrzehnte wieder in unser Bewusstsein gerückt worden, und so mögen wir es nicht weiter fanatisieren, sondern immer wieder in unsere Kenntnis nehmen und es uns gegenseitig zur Kenntnis bringen, und dies möglichst oft und intensiv und ohne solche Schläge, wie sie in militärischen Auseinandersetzungen gebraucht werden, um uns Menschen die eine oder andere Lehre einzubläuen.

Und diese Art von Lehre entspricht wohl nicht archaischen Verhaltensmustern (ich weigere mich, das Archaische dem Anarchischen gleichzusetzen), sondern wie sie durchaus Erfindungen der Neuzeit sind und solchen Lehrmethoden entsprechen, die einst von preußischen Feldwebeln bevorzugt wurden.

So kann uns niemand darüber hinwegtäuschen, dass wir bei allen Fortschritten an Reife und Lebenserfahrung des Menschseins wieder an einem Punkt angelangt sind, der uns kläglich zu Bewusstsein bringt, dass wir es mit den Kriegen und Kriegsschlägen lieber halten als mit dem Frieden bewahren. Und da können wir so lange debattieren, wie wir wollen, und versuchen, uns mit dem Hinweis auf die Geschichte, und die lange und gewiss schreckliche Geschichte der Kriege insbesondere, zu rechtfertigen. Denn wir wissen nicht, wie die Kriege früher zustande gekommen sind, und wir wissen nicht, welche Menschen sie ausgefochten haben, die wir heute leichtfertig der Barbarei bezichtigen, sondern wir wissen nur das, was in unserer Zeit geschieht, und das ist eine Barbarei ohnegleichen.

Und diese Barbarei entspinnt sich weltweit und kann sich nicht beruhigen und vermag sich nicht zu kultivieren trotz aller kulturellen Anstrengungen, die uns gewisslich gelungen sind, und die wir nicht missen sollten noch dürfen noch sie vernachlässigen. Und doch haben wir noch kein Augenmerk gerichtet auf das, was dem Frieden halten besonders förderlich gewesen wäre, und darauf will ich nun zu sprechen kommen. Und dieses Sprechen wird in mir auch nicht dadurch zurückgehalten, dass ich weiß, dass es vorzügliche Friedensforscher gibt, und dass auch der von mir geschätzte Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker zu ihnen gehört.

Für mich hat die Friedensforschung zwei Schwerpunkte, denen sie sich, gerade in dieser Zeit, widmen muss. Der eine ist die Entwicklung von Methoden, mit denen wir in der Lage sind, das aggressive Potenzial aufzuspüren und es in seinem 'Level' bewusst zu machen. Und wenn ich hier 'Level' sage, meine ich natürlich nicht Pegelmesser oder Messgeräte im herkömmlichen Sinn. Und doch etwas Ähnliches, was uns über Art und Charakter und Intensität unseres tief liegenden aggressiven Potenzials Kenntnis verschafft.

Das sage ich um so dringlicher, als wir - einerseits - offenbar so sehr daran gewöhnt sind, uns aggressiv zu verhalten, dass wir dieses aggressive Potenzial, so wir es wahrnehmen, für normal und menschlich halten und uns dann überrascht zeigen, wenn es sich in solchen militärischen Gewittern entlädt, wie beispielsweise in den Balkankriegen. Und dass wir - zweitens - offenbar keine Vorstellung darüber haben, was an Aggression normal und natürlich ist, und uns in diesen Vorstellungen kläglich zu verirren belieben.

Hier möchte ich zunächst an den zweiten Punkt anknüpfen und darauf hinweisen, dass Jane Roberts in ihrem Buch 'Individuum und Massenschicksal'[2] unterschieden hat zwischen der Aggressivität, die uns eingeboren ist, die unseren natürlichen Anlagen entspricht, und die uns befähigt, in dieser Welt zu sein. Als ein wunderbares Beispiel hat sie das Verhalten des Kindes während der Geburt geschildert hat. Dieses Beispiel ist mir geblieben und fällt mir immer wieder ein, wenn es um natürliche Aggressivität geht und um die Frage, wie wir in den Geburtsprozess eintreten und uns darin bewähren - und hier meine ich jede Art von Geburtsprozess.

So sind insbesondere Krisenzeiten und katastrophale Entwicklungen, von solcher Art 'Geburtswehen' begleitet, wenn eine neuartige Bewusstseinsentwicklung in unsere Realität hineindrängt. Es sind also Krisenzeiten genau die Phasen der menschlichen Entwicklung, in denen wir die natürliche Aggressivität brauchen. Punkt.

Dem gegenüber, sagt Jane Roberts, gibt es eine 'un-natürliche' Aggressivität, und diese ist in unsere zivilisatorische Gepflogenheiten so reichlich eingewoben und tritt so offen zutage, dass sich niemand zu fragen braucht, wo er Beispiele dafür hernehme. Schon eher mag man sich bemühen, Beispiele in dieser Welt noch zu finden, die belegen, dass es an dieser Art von Aggressivität mangelt.

Diese unnatürliche Aggressivität ist allerdings für uns Menschen schwer auszumachen, weil wir uns so sehr daran gewöhnt haben, dass sie häufig als normale, scheinbar natürliche Verhaltensweise wahrgenommen wird. Dieser Missstand wird noch dadurch verschlimmert, dass unsere Anschauung von dem, was natürlich ist und was des Menschen Natur sein mag, unter der technologischen Entwicklung - insbesondere in der ökologischen Krise, in der wir die Natur so malträtiert haben - nahezu beliebig geworden ist.

Hier hilft auch nicht die Verhaltensforschung, die ein intensives Studium der Tiere betrieben und in ihren Tierforschungen deren Verhalten (gleichsam tiefenpsychologisch) durchleuchtet hat. So kann uns also die Verhaltensforschung, und insbesondere die der Tiere, darüber belehren, wie es bei uns in der Tiefe aussieht, wenn wir sie nur richtig betreiben würden und unserer üblichen Paranoia für kurze Zeit abschwören könnten. Für so kurze Zeit immerhin, dass es zu einer blitzartigen Selbsterkenntnis reichen mag.

Kurz gesagt, sind wir in unserer Selbsterkenntnis so sehr behindert, dass wir uns zum Thema Aggressivität nicht klar äußern können, und die Einen das Kinde mit dem Bade ausschütten (was mir auch aggressiv zu sein scheint) und eine extreme Friedfertigkeit und Duldsamkeit predigen, die aller Gewalt und Gewalttätigkeit abschwören will - und die Anderen sich in den Deutungen des Phänomens verhuddeln und vertun.

Und so möchte ich mich als Bestandteil der menschlichen Spezies nicht darin hervortun, dem allüblichen Wirrwarr noch eins oben auf zu setzen, sondern den Finger darauf legen, dass wir hier noch eine Aufgabe zu bewältigen haben, die zu bewältigen uns bisher noch nicht gelungen ist, und die wir doch bewältigen müssen. Und dies möglichst bald, damit wir uns dem Schwerpunkt-Thema Eins zuwenden können.

Und dieser erste Schwerpunkt fordert uns dann ganz, und fördert die Entwicklung unserer menschlichen Potenziale weit über das hinaus, was wir bisher an ihnen belebt haben, und worauf wir uns dies und das zugute tun und uns gegenseitig auf die Schulter klopfen, insbesondere wenn es um die technologische Entwicklung geht. Und darüber vergessen wir gerne, dass wir gerade in dem so dringend benötigten menschlichen Bereich Stümper und Irrläufer sind, und dass wir uns ein ums andere Mal in eine 'humanitäre Katastrophe' hinein manipuliert haben und weiterhin tun.

Es wird uns also nichts anderes übrig bleiben, als dass wir uns diesem Schwerpunkt zuwenden und uns in anderer Weise darüber Kenntnis verschaffen, wie und mit welchen Mitteln wir unsere natürliche Aggressivität anzuwenden und einzuhandeln haben, einerseits, und wie wir andererseits mit unseren 'unnatürlichen Aggressionsanteilen' so umgehen können, dass diese sich alsbald in ein Nichts auflösen.

Oder, anders gesagt, uns die Frage stellen, wie wir die Welt ansehen müssen und uns in ihr bewegen müssen, dass es nichts Aggressives gibt über das hinaus, was uns die Natur des Menschen als Hilfsmittel des Bestehens und Überlebens und - so möchte ich betonen - zu unserer Werterfüllung mitgegeben hat.

Dieser letzte Punkt verdient besondere Beachtung, zumal wir noch immer unter den Spätfolgen des Darwinismus und unter den Rückschlägen des Neo-Darwinismus leiden. Denn nicht das schiere Überleben in dieser Welt ist das oberste Ziel, und nichts in dieser Natur, auch nicht in der menschlichen Natur, ist darauf angelegt, das Überleben unter allen Umständen zu sichern, wenn es nicht dem Ziel der Werterfüllung dienen kann.

Und damit bin ich am Kernpunkt meiner Aussage über die Gesundung der Aggressivität des (heutigen) Menschen, einem Kernpunkt, um den sich die oben zitierten Schwerpunkte der Aggressionsforschung scharen müssen, denn alles andere würde den bestehenden Wahnsinn nur noch vertiefen.

 


     Gemeint ist der Kosovokonflikt von 1998

     Jane Roberts: "Individuum und Massenschicksal. Der Mensch als Urheber allen Umweltgeschehens.", Ariston Verlag, 1995.