Das Problem der Objektivierung am Beispiel der Homöopathie

Geschrieben von Super User. Veröffentlicht in Wissen und Glauben

Man beobachtet seit Jahren eine Erscheinung, die ich ‚Verwissenschaftlichung der Lebenswelt’ nennen möchte. Dabei geht es um den Anspruch von Leuten, ihre Erkenntnisse (gleich welcher Art) dadurch aufzuwerten, dass sie als ‚wissenschaftlich' bezeichnet werden. Der Ausdruck ‚wissenschaftlich’ ist heute selbst umgangssprachlich so populär geworden, dass es wie ein Gütesiegel für alles Mögliche herhalten muss. Überspitzt formuliert möchte ich sagen: ‚Es gilt heute als wissenschaftlich gesichert, dass die Banane krumm ist’. An dieser Entwicklung sind vor allem die Medien beteiligt, deren Macher meist gar nicht in der Lage sind zu beurteilen, ob eine Aussage überhaupt wissenschaftlich überprüft werden kann – geschweige den wissenschaftlich gesichert.

Eine andere Frage ist damit eng verbunden, nämlich was als ‚nicht wissenschaftlich gesichert’ bezeichnet wird. Wenn der Angestellte einer Krankenkasse den Antrag einer Patientin auf eine besondere Therapieform (beispielsweise die Misteltherapie) mit der Begründung ablehnt, diese sei ‚wissenschaftlich nicht gesichert’, dann mutet mich das eigenartig an.

Das also meine ich mit ‚Verwissenschaftlichung’ unserer Lebenswelt, und diese Entwicklung macht natürlich nicht halt vor den Wissenschaften selbst. So musste ich in den letzten Jahren meiner Arbeit im Institut für Arbeits-, Umwelt- und Sozialmedizin der Universität Heidelberg mich ständig mit Kollegen auseinandersetzen, die das Prädikat ‚wissenschaftlich’ für ihre Tätigkeit zwar in Anspruch nahmen, aber nach meinen Begriffen von wissenschaftlich (egal ob im geistes- oder naturwissenschaftlichen Sinn) nicht genügen konnten. Ich konnte mein Problem mit diesen Kollegen dadurch lösen, dass ich sie für ein Seminar gewinnen konnte, in dem ich ihnen ‚Nachhilfeunterricht’ in wissenschaftlichem Arbeiten gab. Und ich erinnere mich an die erste Seminarstunde, in der ich ihnen erst einmal klar machte, dass es in der Medizin um ‚Kunst und Wissenschaft’ geht – und innerhalb des wissenschaftlichen Arbeitens um geisteswissenschaftliche und naturwissenschaftliche Ansätze, und diese zu unterscheiden sind. Dabei kam mir zu Hilfe, dass ich in den ersten Jahren meiner Tätigkeit in Heidelberg Einblick in einige geisteswissenschaftliche Denkansätze (Theorien wäre auch richtig, ist mir aber zu exakt) erhielt, während ich andererseits den so genannten ‚naturwissenschaftlichen Ansatz’ praktizieren musste – also Studienplanung, Studienbetreuung und Studienauswertung nach den Regeln der ‚Kunst’. Mir ist heute noch unverständlich, warum man diese Form der Untersuchung von Fragestellung ‚naturwissenschaftlich’ nennt, denn während meiner naturwissenschaftlichen Ausbildung hatte ich diese Form wissenschaftlichen Arbeitens nicht gelernt.

Beispiele für geisteswissenschaftliche Denkansätze in der Medizin sind

  1. die Heidelberger Schule der Medizin, die bis Ende der Fünfziger Jahre in Heidelberg die bestimmende war. Dazu zählten als bedeutsamste Vertreter Viktor von Weizsäcker und sein Schüler Wolfgang Jacob, der sein Arbeitszimmer im Institut neben dem meinen hatte.
  2. Die klassische Homöopathie nach Samuel Hahnemann
  3. Die Traditionelle Chinesische Medizin, zu der auch die Akupunkturlehre gehört.

Von diesen Beispielen will ich also die Homöopathie herausgreifen und kurz darstellen, warum es unsinnig ist, sie ‚objektivieren’ zu wollen.

Zunächst muss ich wohl einige Missverständnisse ausräumen, die in diesem Zusammenhang weit verbreitet sind. Dazu will ich sagen, was Homöopathie nicht ist, und was sie sein möchte.

  1. Eine Behandlung mit homöopathischen Arzneimitteln ist keine Homöopathie. Nicht die Wahl der Arzneimittel entscheidet darüber, ob man ‚Homöopathie’ anwendet oder nicht, es ist der Denkansatz.
  2. Homöopathie ist individualistisch, also auf das Individuum gerichtet und von diesem ausgehend. Daher sind in der Homöopathie von Anfang an die ‚Arzneimittel’ durch Eigenversuche der homöopathisch tätigen Ärzte entwickelt worden, zuerst von S. Hahnemann und dann von seinen Schülern und Anhängern.
  3. Homöopathie geht phänomenologisch vor (wie übrigens auch die Traditionelle Chinesische Medizin seit Alters her). Der Kranke beschreibt die Phänomene im Zusammenhang mit natürlichen Gegebenheiten: Tageszeit, Wettereinflüsse etc. – Modalitäten genannt. Der Arzt prüft, welches ‚Arzneimittelbild’ auf diese Phänomene passt und wählt danach das Heilmittel aus. Das entspricht wohl dem klassischen Denkansatz der Medizin, der auch heute noch gültig ist: Heilung wird durch Medikamente vermittelt.
  4. Durch die Arbeitsweise – ausführliche Befragung des Kranken, oft über mehrere Stunden – wird die Homöopathie indirekt ihrem inneren Anspruch gerecht, dem ‚Mitleidens-Prinzip’. Homöopathie setzt Empathie voraus und führt den ernsthaften Arzt dahin. Das meine ich insbesondere mit dem Ausdruck ‚individualistisch’.
  5. Strittig für mich heute ist der andere Anspruch der Homöopathie in ihrer (eigenen) Arzneimittellehre, dass nämlich ein ‚objektives Arzneimittelbild’ existiere bzw. erstellt werden könne. Das erscheint mir nicht möglich, wird aber als Paradigma der Homöopathie noch heute so gesehen (und von ihren Gegnern kritisiert). Doch das ist eine Feinheit, auf die ich hier nicht näher eingehen will, weil mir das ganze ‚Heilmittelgeschäft’ inzwischen zuwider ist.
  6. Noch dümmer erscheint mir der ‚moderne Versuch’, die Homöopathie den Schulmedizinern dadurch schmackhaft zu machen, dass man die (homöopathischen) Heilmittel zu Trägern irgendwelcher nebulöser Information macht, die natürlich nicht im üblichen Sinne biochemisch wirken könne (wegen der ‚Verdünnung’), sondern eben nur ‚informativ’. Andererseits versucht man mit strukturellen Methoden, die ‚Träger der Information’ dingfest zu machen. Was dem einen oder anderen auch gelingt, wenn er daran glaubt.

Das möge an dieser Stelle genügen – weitere Ausführungen habe ich in einem Artikel „Das Homöopathische Prinzip“ im Dezember 2000 in der Zeitschrift CO’MED veröffentlicht.