Andere Räume

Geschrieben von Super User. Veröffentlicht in Wissen und Glauben

Wir sind bis hier her so vorgegangen, dass wir uns ein gedachtes System vorgestellt und an diesem unsere gängigen Glaubensvorstellungen verdeutlicht haben.

Das bringt mich hier dazu, noch einmal zu betonen, dass unsere theoretischen Aussagen sich immer auf Modelle oder Abbilder der Wirklichkeit beziehen, die wir in uns ‚tragen’. Mit ‚tragen’ meine ich, dass wir sie zwar in dem Moment erzeugen, wo wir sie gebrauchen, doch sie sind auch in uns als ‚Gebrauchsmuster’. Wenn ich also etwas über das Licht sage, dann nicht über das Licht, das gerade in mein Zimmer flutet, sondern über Licht als abstraktes Etwas, das ich als Licht im Außenraum erkenne, wenn es mir auffällig wird. Ansonsten setze ich einfach voraus, dass Licht vorhanden ist, wenn ich etwas sehe, und dass ich Licht machen muss, wenn ich mit dem Sehen Schwierigkeiten haben. Licht und Sehen wird uns durch die tägliche Erfahrung zu einer Einheit, die wir nicht mehr auflösen – oder nicht auflösen können? Könnten wir auch ohne Licht sehen? Oder könnten wir etwas sehen, was im üblichen Sinn nicht leuchtet? Oder Licht reflektiert?

Anders gefragt, handelt es sich bei unserem ‚Licht sehen’ um eine Naturnotwendigkeit oder um eine Gepflogenheit im Sinne einer ‚selffulfilling prophecy’? Sehen wir deshalb im Dunkeln nicht, weil wir einfach nicht mehr erwarten, dass wir etwas sehen können? Das zum einen. Zum andern ist zu fragen, ob wir nicht etwas sehen könnten, was im üblichen Sinn nicht ‚materiell’ ist. Wie zum Beispiel die Aura eines Menschen oder eines Gegenstandes.

Da es sich hier um ein beliebtes ‚esoterisches Thema’ handelt und andererseits um ein Beispiel für das ‚innere Sehen’, möchte ich hier näher darauf eingehen.

Für den ‚normalen’ Esoteriker scheint es wünschenswert, das Aura-Sehen zu erlernen. Für den wissenschaftlich interessierten Esoteriker – das war ich seinerzeit – wäre es günstig, wenn man die Aura messen könnte. Folglich habe ich mich eine Zeitlang (das war in den Achtziger Jahren) damit beschäftigt. Fangen wir mal mit dem ersten Fall an und bieten einen Kurs an (fiktiv, natürlich) – etwa mit dem Thema ‚Aura-Sehen in drei Tagen’. Im Beiblatt erwähnen wir, dass man nicht nur erlernt, wie man sein Sehen auf die Aura ausrichtet, sondern auch noch, wie man die Aura interpretieren kann, beispielsweise um Problemzonen im Körper zu erkennen.

Nehmen wir an, es melden sich einige Teilnehmer (ich bin ziemlich sicher, dass das der Fall ist) und wir nun daran gehen müssen, sie auf das Aura-Sehen einzustimmen. Zunächst werden wir erst einmal die ‚Skeptiker’ überzeugen müssen, dass es so etwas wie eine Aura tatsächlich gibt. Wir müssen also die ‚Realität’ einer Aura glaubhaft machen. Das geht nur über eine geschickte Manipulation oder Suggestion. Da ‚Esoteriker’ in der Regel keine herausragenden Skeptiker sind, wird uns das vielleicht in 80% der Fälle gelingen. Das heißt, acht von zehn Teilnehmer werden in der Umgebung eines Menschen irgendetwas sehen, dass etwa dem entspricht, was sie sich unter der Aura eines Menschen vorstellen. Zwei von zehn werden zwar nichts sehen, aber sie werden (falls sie gutwillig sind), darauf vertrauen, dass sie etwas länger üben oder einen besseren Tag abwarten müssen. Diesen beiden würde ich versichern, dass sie zumindest einen schwachen Schimmer wahrnehmen, der ihnen bisher noch nicht als Aura aufgefallen ist, weil sie eine Art Leuchten erwarten, wie wir es von einer (realen) Leuchtquelle gewohnt sind.

Nun gut, lassen wir es dabei und untersuchen, was wir an diesem Beispiel lernen können.

Erstens. Es ist nicht absolut festgelegt, was ‚real’ oder ‚objektiv’ ist. Die Aura gibt es nicht als Massenphänomen, sonst müsste sie jeder sehen. Aber es gibt offenbar ‚Hellsichtige’, die von Kindheit an die Aura sehen können. Und es gibt noch mehr andere, die gelernt haben, die Aura zu sehen (dazu rechne ich mich selbst, wenngleich ich kaum eine ‚Fünf’ kriegen würde, falls man dies als Schulfach einführen würde).

Zweitens. Wenn das Aura-Sehen keine ‚objektive Sinneswahrnehmung’ ist (und falls nicht bloß ein ‚Hirngespinst’), dann ist es eine ‚subjektive Sinneswahrnehmung’. Das heißt, ich weise diese Art des Sehens dem ‚inneren Sehen’ zu. Dazu kommen wir gleich noch.

Drittens. In einer Gruppe können wir per Selektion und Suggestion eine Art Schein-Objektivität herstellen, so dass für diese Gruppe das Aura-Sehen ‚objektiv’ wird. Wirklich? Zunächst nicht, denn die Einzelnen Mitglieder der Gruppe werden in der Regel ganz unterschiedliche Phänomene beschreiben.

Ich traf seinerzeit eine Ethnologin, die bei afrikanischen Medizinmännern das Aura-Sehen gelernt hatte (sagte sie zumindest). Sie war die Ehefrau eines Klinik-Direktors, den meine damalige Chefin und ich besuchten. Fragte meine Chefin, was sie denn für eine Aura hätte und erfuhr zu ihrer Freude, dass diese auffällig viel ‚violette Färbung’ hätte – was bedeute, dass sie ein ‚hochentwickelte Persönlichkeit’ sei! War sie auch, sonst wäre sie nicht Professorin in der Medizin geworden. Dabei spielte natürlich der ‚Machtfaktor’ eine erhebliche Rolle. Und meine Aura? Na ja, die sei noch entwicklungsbedürftig! War sie auch. Trotzdem war ich ein wenig … indigniert. Jedenfalls meine jene Ethnologin, die Auswahl der Farben und deren Bedeutung sei eine ‚willkürliche Festlegung’ – andere Hellseher würden also bei mir eine andere Aura sehen als sie, und sie möglicherweise anders deuten. Durch Üben könne man aber in einer Gruppe von Hellsehern erreichen, dass man in etwa die ‚gleiche Aura’ sieht – und lernen, diese in gleicher Weise zu interpretieren. So habe sie es gelernt und sie würde bei regelmäßigen Treffen mit ‚diesen Medizinmännern’ ihre Sichtigkeit ständig überprüfen.

Es gibt noch weitere Beispiele für die ‚Randzonen der Wahrnehmung’ – wie beispielsweise das Rutengehen – auf die ich noch näher eingehen werde, doch hier möge dieses eine Beispiel genügen.

Ich möchte einige Schlussfolgerungen zusammenfassen, die sich aus diesem Beispiel ergeben. Obgleich ich zugeben will, dass es nur für mich real genug ist, um überhaupt ernst genommen zu werden – andere dürfen es ablehnen und sich damit ihren Glauben an die ‚Objektivität’ von Phänomenen bewahren.

Zum einen scheint es so zu sein, dass wir unsere ‚äußeren Sinneswahrnehmungen’ (wie beispielsweise das Sehen, das Hören etc.) erlernen. Erlernen in einer Zeit, an die wir uns kaum mehr erinnern können. Gleichzeitig verlernen wir Sinneswahrnehmung zu berücksichtigen, die nicht allgemein akzeptiert sind. Darüber habe ich seinerzeit meinen Kindern aus einem Buch vorgelesen, das Du vielleicht noch erinnerst: „Der Junge mit den lichten Augen“. Das Erstaunliche und Typische war, dass diese Junge erst recht spät (da war er bereits sechs oder sieben Jahre) erkannte, dass die anderen Menschen seiner Umgebung nicht sehen konnten, was er sah – wenn es um jene außergewöhnlichen Phänomene ging, von denen in diesem Buch die Rede war. Beispielsweise den verstorbenen Großvater in seinem Schaukelstuhl …

Anders gesagt, es ist wohl von Anfang an so eingerichtet, dass wir in der Welt, in die wir (westlichen Menschen) geboren werden, eine spezielle Form des Sehens entwickeln, die wir alle kennen und benutzen. Und dass andere Formen des Sehens verkümmert bleiben und meist nicht mehr entwickelt werden – es sei denn, wir bemühen uns darum. Diese ‚ungenutzten Formen der Sinneswahrnehmung’ schreibe ich den ‚inneren Sinnen’ zu, im Gegensatz zu den äußeren Sinnen.

Die ‚inneren Sinne’ sind also in dem Sinne subjektiv und uns als Individuen vorbehalten, als wir in der Regel nie gelernt haben, sie zu einer allgemein akzeptierten, übereinstimmenden und kommunizierbaren Wahrnehmung zu machen. Damit sage ich auch, dass eine Gesellschaft vorstellbar wäre, in der alle Kinder lernen, das ‚Aura-Sehen’ (oder andere Formen der Hellsichtigkeit) als gängige Form der Wahrnehmung zu entwickeln. In dieser Gesellschaft wäre das Aura-Sehen so alltäglich wie bei uns das normale Sehen – bis auf die wenigen ‚Blinden’, die es wohl auch dann geben würde. Allerdings würde es wohl auch dann einige Formen der Fehlsichtigkeit oder Sehschwäche geben, die behandelt werden müssten (so wie heute die bekannten Fehlsichtigkeiten). Nur nebenbei – deren Behandlung nach meiner Einschätzung eine umfassendere Schulung der Sichtigkeit erfordern würde, als dies heute üblich ist. Dafür gibt es bereits Beispiele, die hervorragend funktionieren.

Aus anderen Überlegungen heraus kam einer meiner geschätzten Physik-Kollegen (Herbert Pietschmann, Professor für Theoretische Physik in Wien) zu dem Schluss, dass wir heute nicht mehr von ‚Objektivität’ sprechen dürfen, sondern von ‚Inter-Subjektivität’. Dem stimme ich zu und ich werde später noch mehr darüber sagen.

Um Missverständnisse zu vermeiden, will ich gleich hinzufügen, dass im täglichen Sprachgebrauch das Wort ‚objektiv’ natürlich unangetastet bleibt – es geht bei meiner Diskussion lediglich um eine Verschärfung der Begrifflichkeit im wissenschaftlichen Kontext.

Dass dieser ‚wissenschaftliche Kontext’ aber auch für alltägliche Probleme bedeutsam werden kann, soll am nächsten Beispiel herausgestellt werden. Da will ich mich dem Phänomen der ‚Homöopathie’ zuwenden – flüchtig, natürlich. Dieses Phänomen erscheint mir weit bedeutsamer als die Frage, ob jemand Aura-Sehen kann oder nicht. Mir scheint es bedeutsam, andere mögen solche Fragen für belanglos halten.