Das Zeitlose und seine Ausläufer

Geschrieben von Super User. Veröffentlicht in Wissen und Glauben

Unser Bewusstsein ist, mehrheitlich – das heißt, in aller Regel – ein zeitlich Gebundenes. Es funktioniert so, dass wir Zeitabläufe erkennen können. Oder, anders gesagt, es kann nur Wahrnehmungen tätigen, die als Zeitenfolge übersetzt werden können. Noch einmal gesagt: unser menschliches Bewusstsein ist auf eine zeitliche Abfolge spezialisiert und formt sie auch dort, wo es diese im Ungeformten nicht gibt.

Man stelle sich vor, es gäbe eine Art ‚Rohmaterial’ für Ereignisse, die in dieser unserer Welt stattfinden. Besser gesagt, die in diese unsere Welt hereinlappen. Nun gut, ein Sonnenstrahl ist ein Ereignis. Wir erkennen ihn als eine andauernde Lichterscheinung, Genau genommen, sind es also viele Ereignisse hintereinander, die sich für uns zu einer Kette von Lichtblitzen zusammenfügen. Zumindest ist es so denkbar.

Nun gibt es in der Physik ein ‚altes’ Modell zur Erklärung von Lichterscheinungen – das Huygens’sche Wellenmodell. Zwar klassisch gedacht, hat es doch bis in unsere Zeit (als Näherung) überdauert. Nach diesem Modell stellt man sich eine Welle so vor: Jede Wellenfront setzt sich auf unzähligen Elementarwellen zusammen, von denen jede ein Zentrum besitzt, das sich auf der (gedachten) Wellenfront befindet. Überlagert man diese Elementarwellen, so ergibt sich wieder eine Wellenfront, die der ursprünglichen nachfolgt. Ich hoffe, das ist soweit verständlich beschrieben.

Der Punkt ist, dass also eine Welle sich aus unzähligen Ereignissen bildet, und jedes dieser Ereignisse ist elementar – so elementar, wie der Ursprung der Wellenfront. So ‚pflanzt sich die Lichtwelle fort’. Ich meine, das ist ein schönes Bild. Und nützlich außerdem, denn mit diesem Modell kann man rechnen, und man hat danach die klassische Wellentheorie mathematisch entwickelt.

Jedes Elementarereignis – oder jede Elementarwelle – ist also selbst wieder Ausgangspunkt einer Ereigniskette (oder einer neuen Wellenfront). Wir können diese Vorstellung zu einem Prinzip erheben und prüfen, ob wir damit etwas über die Natur von Ereignissen lernen können.

Bleiben wir noch kurz beim Bild der Lichtwelle. Die Geschichte der Physik lehrt uns, dass etwa zur selben Zeit zwei unterschiedliche Modelle für das Licht aufgestellt wurden – das eine von Christian Huygens, das andere von Isaac Newton. Beide Modelle konnten gewisse Phänomene des Lichtes erklären, zusammen genommen waren sie durchaus befriedigend. Nur – man konnte sie nicht zusammen nehmen, weil sie auf unterschiedlichen Grundannahmen beruhten, und nach der damaligen Denkweise konnte nur 'eine ‚richtig’ sein. Die Quantenmechanik hat das später richtig gestellt und eine Art Überbau geliefert, in dem beide Modelle ihren Platz fanden.

Licht ist ein Grundphänomen unseres Lebens, ohne Frage. Ohne Licht kein Leben. Kein Wunder also, dass sich am Licht die Naturwissenschaft entzündet – und ein gänzlich neues Wesen hervorgebracht hat; eben das, was wir heute als ‚Moderne Physik’ bezeichnen.

Für uns ist an diesem Modell interessant, dass der Ansatz von Christian Huygens das Wesen von Ereignissen intuitiv richtig begriffen hat. Zwar hat er sich auf die Wellentheorie beschränkt und damit das Allgemeinere des Licht-Prinzips außer Acht gelassen. Doch das können wir nun nachholen.

Im klassischen Lichtmodell breiten sich also Wellen so aus, dass an jedem Punkt der sich ausbreitenden Licht-Erregung eine neue Quelle von Erregung gebildet wird. Von dieser Quelle aus würde wiederum Energie in alle Richtungen ausgesandt. Logisch, nicht wahr?

Damit könnte man aber nicht erklären, dass Licht entlang einer Achse fortschreitet, also gleichsam Lichtstrahlen entwickelt. Es muss ein Auslese-Prinzip geben, das die sich nach vorne ausbreitende Lichtwelle bevorzugt. Eindeutig. Die ‚gegenläufige Welle’, die ‚nach hinten losgeht’, bildlich gesprochen, bleibt imaginär. Oder virtuell. Ist zwar denkbar, aber – sie realisiert sich nur, wenn die sich nach vorne ausbreitende Welle auf ein Hindernis trifft. Dann tritt der ‚Rückläufer’ in Erscheinung.

Noch einmal anders gesagt: Wir haben ein gedachtes Bild oder Modell von der Ausbreitung einer Welle, das den realen und den imaginären Anteil berücksichtigt – berücksichtigen muss, weil wir sonst die Reflexion nicht erklären könnten. Das Auslese-Prinzip, das das Fortschreiten der Welle in der Zeit (ihre zeitliche Ausbreitung) besorgt, ist nun – eben das ‚Zeit-System’, auf dem unser Erkennen und Bewusstmachen beruht. Unser Bewusstsein ist so beschaffen, dass es diese Auswahl ständig trifft, ja, treffen muss, damit die ZEIT voranschreitet. In der Physik rechnet man dagegen seit langem schon auch mit imaginären Erscheinungen, die, für sich genommen, weder messbar noch wahrnehmbar sind. Würde man sie aber weglassen, könnte man die wahrnehmbaren Phänomene nicht richtig beschreiben. Mathematisch korrekt beschreiben, müsste ich hier sagen.

Sowohl die Quantenmechanik also auch die Elektrotechnik sind längst daran gewöhnt, mit komplexen Zahlen zu operieren. Um allerdings zu nachprüfbaren – messbaren – Resultaten zu kommen, muss der Realteil eines Resultates vom Imaginärteil (man beachte die wörtliche Bedeutung der Begriffe!) abgetrennt werden, weil nur dieser in unser Zeit-System passt. Das gleiche gilt übrigens für den Raum, doch darauf will ich jetzt nicht eingehen.

Für mich sind also die abstrakten Formeln der Physik und der Elektrotechnik Ausdruck dafür, dass wir ein übergeordnetes Bezugssystem brauchen, um die raum-zeitlichen Phänomene erklären zu können. Das ergibt sich ganz zwanglos aus den existierenden Theorien, die nun schon seit mehr als hundert Jahren bestehen und noch heute angewandt werden – beispielsweise um Schaltkreise in elektronischen Geräten zu berechnen. Oder um die optischen Eigenschaften eines Linsensystems zu berechnen, usw.

Doch kehren wir zurück zu der Frage, was wir über Ereignisse lernen können, wenn wir altbekanntes Wissen ein wenig … hinterfragen oder gar erweitern. Unserem Beispiel können wir entnehmen, dass eine Zeitliche Abfolge in etwa einem Lichtstrahl entspricht, der sich in einer (Raum-) Richtung ausbreitet. Dementsprechend ist unser Bewusstsein wie eine Punktblende oder ein schmaler Spalt, der nur eine Ausbreitungsrichtung zulässt – eben die der ‚linearen Zeitentwicklung’.

Was uns nun interessiert, ist das, was wir bei dieser Art von (hoch-) spezialisierter Wahrnehmung wohl alles ausgeblendet haben mögen?

Auch hier können wir noch einmal auf unser anschauliches Bild zurückgreifen. Fällt eine Lichtwelle auf einen sehr schmalen Spalt, so treten an diesem Beugungserscheinungen in Form von schmalen Streifen auf, die symmetrisch zum ‚Hauptbild’ des Spaltes liegen. Die entsprechenden Experimente kennt jeder aus der Schulphysik. Nach der einfachen Strahlen-Optik von Newton dürfte das nicht sein. Und es ist auch nicht (sichtbar) wenn die Spaltblende verhältnismäßig breit ist. Je schmäler sie aber gemacht wird, um so deutlicher treten die Randeffekte hervor – eben jene Beugungsbilder, die wir alle kennen und auf die ich im Zusammenhang mit dem Regenbogen schon zu sprechen kam.

Versuchen wir diese einfachen Bilder auf das zu übertragen, was wir als unsere (zeitgebundene) Wahrnehmung betrachten. Es müsste also theoretisch möglich sein, auch hier Randeffekte zu beobachten, die auf die ‚größere Reichweite’ von Ereignisketten’ hinweisen.

Dazu will ich zunächst einen Satz formulieren und diesen dann erläutern.

Satz:

Von jedem Ereignis geht – explosionsartig – eine Wolke von Ereignissen aus, die wir als solche nicht bewusst wahrnehmen können, weil wir nur das eine ‚zeitlich folgende’ Ereignis als real anerkennen.

Mit diesem Satz habe ich zunächst definiert, was ich unter ‚Realität’ verstehen will. Gemeint ist natürlich unsere (menschliche) Realität als eine von vielen möglichen.

Ferner habe ich mit diesem Satz erklärt (?), dass es unser selektives Bewusstsein ist, das ein Raum-Zeit-System per Auswahl bildet. Nicht erklärt habe ich allerdings, warum dies für jeden Menschen annähernd gleich ist. Es gibt also in dieser Auswahl eine Kohärenz, die so groß ist, dass unsere Wahrnehmung – zwar subjektiv verschieden, aber doch – als eine gemeinsame ‚objektive’ erscheinen kann. Das heißt, dass zwei Menschen (oder Beobachter) etwa die gleiche Ereigniskette herausfiltern und so eine (in etwa) übereinstimmende Wahrnehmung eines Vorganges haben – beispielsweise eines Vogels, der vorbeifliegt. Oder eines Knalls, der plötzlich ertönt. Oder einer Duftwolke, die an uns vorbeizieht. Oder eines Lüftchens, das über uns dahin streicht, usw.

Ferner habe ich angedeutet, dass wir durchaus Randeffekte erkennen könnten, wenn wir uns so stark auf eine Ereigniskette fokussieren, dass ihr ‚linearer Charakter’ ins Schwimmen kommt. Das hat praktische Konsequenzen, auf die ich noch zu sprechen komme.

Doch zunächst will ich etwas über den Raum sagen, der uns als ein zeitlich unabhängiges Gebilde zu umgeben scheint. Was er nicht ist. Was er auch für den Physiker nicht ist, der Raum und Zeit nicht als wirklich getrennt ansieht. Oder nur in Näherung als getrennt ansehen darf.