Alle Bezugssysteme sind gleichwertig

Geschrieben von Super User. Veröffentlicht in Wissen und Glauben

Bevor wir uns in allerlei Spekulationen darüber ergehen, welche Ansicht über ein (beliebiges) Thema nun die ‚Richtige’ sei, sollte die Frage geklärt werden, von welchem Standpunkt aus wir ein … Thema, Objekt, usw. betrachten wollen.

Wenn ich ‚Standpunkt’ sage, meine ich eigentlich: Ebene, innere Einstellung, Zugang, usw. Machen wir Beispiele: Ich kann über ‚Liebe’ nachdenken und werde viele Gedanken haben, die sich irgendwie in mir einfinden. Oder ich kann gerade ‚frisch verliebt’ sein und werde kaum Interesse daran finden, Liebe abstrakt abzuhandeln. Oder ich will als Theologe etwas über ‚die Liebe Gottes’, und daraus abgeleitet, die menschliche Version davon in einer Predigt sagen. Oder ich bin Dichter, Liedermacher oder Bänkelsänger – und werde ganz verschiedene Versionen der Aussage bekommen, was mir an der Liebe gerade wichtig ist. Die Liste ließe sich noch beliebig fortsetzen, aber ich denke, Du weißt nun, was ich meine.

Noch etwas anders gestaltet sich die Frage nach dem ‚Zugang’, wenn wir über philosophische Themen sprechen. Beispielsweise über das ‚Leben nach dem Tod’. Was können wir darüber wissen, wenn keiner davon berichten kann?

Nun, doch einiges:

  1. Man kann Menschen befragen, die eine ‚Nah-Todeserfahrung’ gemacht haben.

  2. Man kann die Literatur durchforsten, einschließlich der diversen ‚Totenbücher’ a la ‚Ägyptisches Totenbuch’.

  3. Man kann sich ‚mediale Eingaben’ (sog. ‚Channeling’ – früher ‚Offenbarung’ genannt) vornehmen und sich etwas von denen sagen lassen, die (angeblich) ‚drüben’ sind.

  4. Ich verzichte darauf, unsere ‚christliche Theologie’ zu erwähnen, weil ich die christliche Eschatologie für dumm, irreführend und schädlich halte – einschließlich der Offenbarung des Johannes.

Nun gut, wir werden alle Informationen, die von lebenden Personen stammen, dem Bezugssystem: ‚Diesseitig’ zuordnen können. Was immer wir erfahren, wir erfahren es vom Standpunkt der Lebenden aus – auch wenn sie momentan dem Tod nahe waren.

Wir könnten alle Informationen, die durch ‚Offenbarungen’ erhalten wurden, also vom Standpunkt der ‚Dahingeschiedenen’ aus gegeben werden, einem Bezugssystem zuordnen, das wir als ‚Jenseitig’ bezeichnen können. Angeblich sind ‚sie’, die Informanten – dort, im Jenseits. Nun, das stimmt bedingt – denn die Übermittler (Medien) sind hier, sie benutzen die gleiche Sprache wie wir, sie teilen sich mit in Gedanken, die wir verstehen können – und damit sind die Mittel des ‚Botschaftens’ wiederum diesseitig. Es fragt sich also, ob es eine zuverlässige Information über das Leben nach dem Tod gibt. Meine Antwort ist eindeutig: Nein!

Aber das sollte nur ein Beispiel sein, um klarer zu machen, was ich mit ‚Bezugssysteme’ meine. Es gibt so viele Bezugssysteme, wie es Menschen gibt, das ist klar, denn jeder wird seinen eigenen Standpunkt einnehmen – notwendigerweise. Und selbst ein Einzelner kann sich auf verschiedene Standpunkte einlassen. Bis hin zu rein Spekulativen, Intuitiven, … und die sind mir oft die liebsten, weil hier (eigentlich) klar ist, dass die Aussagen subjektiv sind und keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit haben können.

So sollte es sein – doch leider versuchen gerade die Medien sehr oft, sich den Anschein von ‚Objektivität’ zu geben, indem sie Autoritäten bemühen, die ihnen das (sonst fehlende) Gewicht verleihen – angefangen von ‚Gott persönlich hat mir gesagt’, bis hin zu irgendwelchen Erzengeln, alten Propheten, oder geschichtlichen Persönlichkeiten.

Damit sind wir wieder bei der ‚inneren Wahrheit’ – und diese ist nun mal, wie der Name sagt, im Inneren und kann nur bedingt ‚mit-geteilt’ oder kommuniziert werden. In beiden Worten steckt das ‚Teil sein von etwas Größerem’, systemisch betrachtet. Anders gesagt, der Zuhörer muss sich auf das ‚Mit-Teilen’ einlassen, damit es kommuniziert werden kann. Das ist einfach, wenn man über das Wetter redet (daher tun es so viele), und es ist schwierig, wenn es um ‚innere Wahrheiten’ geht.

Noch einmal zusammengefasst:

  1. Es gibt eine Kategorie von Bezugssystemen, die alle Standpunkte umfasst, die wir im Diesseitigen einnehmen oder einnehmen könnten. Diese könnte man als ‚faktisch’ oder ‚objektiv’ bezeichnen. - Das sind unzählige viele.

  2. Es gibt eine Kategorie, die alle Standpunkte umfasst, die wir nur in der ‚Innenschau’ oder im ‚Inneren Hören’ einnehmen oder einnehmen könnten – diese sind notwendigerweise subjektiv, nur schwer mitzuteilen, und daher ist jede Mitteilung auf ‚Treu und Glauben’, wie man so sagt.

Wir könnten statt ‚Bezugssystem’ auch ‚Ebene’ (gemeint ist: Bewusstseins-Ebene) sagen, doch das führt uns hier auch nicht weiter. Ich will vorläufig bei dem Begriff ‚Bezugssystem’ bleiben, weil ich noch ein Beispiel aus der Modernen Physik anschließen möchte.

Wir haben in diesem Jahr mal wieder ein ‚Einstein-Jubiläum’ und man hört einiges über die Relativitätstheorie, von denen inzwischen die meisten wissen, dass sie von eben jenem Einstein stammt. Wenn man fragt, was die Relativitätstheorie denn besage, dann hört man mehr oder weniger Kluges – je nach Standpunkt und Aus- oder Vorbildung. Der einfachste Satz lautet: ‚Alles ist relativ’ – ein dummer Satz, wenn man nicht weiter darüber nachdenkt. Ein trivialer Satz, wenn man ‚Alles’ als absolut ansieht. Was die meisten nicht realisieren, ist die Kernaussage von A. Einstein. Sie lautet etwa:

Wenn man die Bewegung eines ‚physikalischen Körpers’ beschreiben will, kann man jedes Bezugssystem wählen, das man möchte – sie sind alle gleichwertig. Oder: es gibt kein ‚absolutes’ Bezugssystem.

Praktisch gesehen: Wir haben heute KEIN ‚heliozentrisches’ Weltbild mehr, auch kein ‚geozentrisches’ – wir haben überhaupt kein ‚zentrisches’ Weltbild (auch wenn über ein mögliches Zentrum im Universum spekuliert wird, von dem aus gesehen man eine ‚Ausdehnung’ beschreiben könnte). In der Physik wählt man Bezugssysteme nur nach Gesichtspunkten der Nützlichkeit, beispielsweise wenn es um Berechnungen geht. Beispiel: Die Bewegung der Planeten lässt sich sehr einfach beschreiben (berechnen!), wenn man seinen Standpunkt ins Zentrum der Sonne verlegt – rein theoretisch, versteht sich, denn noch war niemand dort. Anders gesagt: unser berühmtes ‚heliozentrisches Weltbild’, das seinerzeit so viel Aufsehen erregt hat, ist ein rein fiktives Gedankensystem – versetze dich als Beobachter in die Sonne und betrachte von dort aus die Planeten. Interessant, dass damit die ‚Neuzeit’ begann …

Wir dürfen also seit Einstein jedermann wieder beruhigen und ihm zubilligen, dass er sich als Beobachter (auch von Planeten) ruhig auf die Erde stellen und wie zu alten Zeiten das Universum betrachten darf. Solange er keine Berechnungen über die Bahn der Planeten – oder anderer Sternensysteme – anstellt. Was normalerweise auch keiner tut.

Insofern hat uns Einstein dazu verholfen, dass wir wieder die Kirche im Dorf lassen können - buchstäblich. Denn wir dürfen auch als Wissenschaftler jedes Bezugssystem wählen, das uns beliebt – die Frage ist nur, ob wir Andere damit beeindrucken können. Diese Frage ist allerdings immer noch entscheidend – und das gilt für alle Themenbereiche, denen sich die Wissenschaften widmen. (Nur nebenbei – die ‚moderne Auseinandersetzung’ der Wissenschaften richtet sich nicht mehr auf die Kirchen, wie zur damaligen Zeit, kaum auf die Esoteriker, Alternativen und Sekten – womit sie nicht zurecht kommen, ist der ‚persönliche Glaube’, der sich jeglichem Dogmatismus (dem kirchlichen sowieso, aber auch dem wissenschaftlichen) entziehen möchte. Daher wird heute so oft (und irreführend) das Prädikat ‚wissenschaftlich’ verteilt – wie ein Gütesiegel, an das keiner so recht glauben mag. Aber was bleibt uns dann?)

Alle Bezugsysteme sind gleichwertig – das hat Einstein natürlich nur in einem sehr speziellen Beispiel hergeleitet. Doch ich denke, wir dürfen hier ein wenig spekulieren und die Konsequenzen für unsere heutige Weltanschauung(en) betrachten, wenn wir den Satz verallgemeinern.

Ich meine, eine wichtige Konsequenz ist, dass wir immer mehr zu einem ‚Ego-zentrischen’ Weltbild neigen. Und das meine ich durchaus positiv. Denn wir erkennen zunehmend und, je weiter wir uns (zeitlich) vom Faschismus entfernen, deutlicher, wie wichtig es ist, einen eigenen Standpunkt zu entwickeln und diesen gegebenenfalls zu behaupten. In diesem Sinn fördert ‚Egozentrismus’ die Toleranz – wenn er nicht zum Wahn wird und den anderen Pol – das DU – leugnet oder herabwürdigt oder minder bewertet.

Daher ist mein Satz: Alle Bezugssysteme sind gleichwertig, auch so gemeint: Ich darf nicht mein Bezugssystem dem Anderen aufdrücken oder gar aufzwingen – nicht weil es unmoralisch wäre, sondern weil es einfach nur dumm wäre. Und weil alle Bezugsysteme gleichwertig sind, dürfen wir sie ‚verschieden’ sein lassen. Sie müssen nicht gleich sein, um gleichwertig sein zu können.