Was Europa einigt

Geschrieben von Gü. Veröffentlicht in Aktuelles gestern

Samstag, 30. März 2013

Was hat Griechenland zu verlieren? Was hat Deutschland zu verlieren? Was kann eine ‚Euro-Krise’, die keine ist, in der heutigen Zeit anrichten?

Das frage ich mich, wenn ich die Berichte in Griechenland, in Italien, in Zypern zuletzt über das Wiedererstarken antideutscher Ressentiments sehe. Was hat Angela Merkel mit Hitler gemein, was Wolfgang Schäuble mit der SS?

Nichts, liebe Freunde im Süden, außer einer gemeinsamen deutschen Geschichte, für die wir, die reiferen Deutschen, durchaus noch die Verantwortung übernehmen wollen. Aber bitte - im Ernst und mit Würde, und nicht so, wie es manche Medien in Griechenland etc. anfordern, wenn sie auf Titelseiten das Vierte Reich erstehen lassen (vor dem uns jede denkbare Zukunft bewahren möge!), Angela Merkel als Hitlers Braut oder Tochter vermarkten möchten und Schlimmeres mehr, falls es so etwas geben kann.

Nein, wir Deutschen haben unsere Lektion begriffen, wenn auch nicht durchgängig. Und das macht uns heute noch zu schaffen, wenn wir Teile unserer eigenen Jugend mit Hakenkreuzen aufmarschieren sehen. Dazu brauchen wir nicht die Unterstützung wütender griechischer, zyprischer oder anderer aufgehetzter Demonstranten, die uns das Leid vor Augen führen, das Deutsche in der Vergangenheit über die Welt – es war ein ‚Weltkrieg’, den wir Deutschen begonnen haben! – brachten. Nein, wir brauchen verständnisvolle Partner (die wir durchaus auch haben), um im 21. Jahrhundert eine versöhnliche und zukunftsweisende Politik verfolgen zu können. Diese Partner hatten wir, als die ersten SECHS – Frankreich, Italien, Belgien, Niederlande, Luxemburg und Deutschland – die EWG gründeten, aus der die EU hervorgegangen war. Der wichtigste Punkt, für Deutschland wichtigste Punkt, bestand in dem Konsens, sich die Vergangenheit nicht vorzuwerfen. Das heißt im Klartext, dass Deutschland als ein gleichwertiger Partner ohne Ressentiments betrachtet wurde. Das war der Neuanfang einer Friedensordnung in Europa, der im Jahr 2012 mit dem Friedens-Nobelpreis für die EU anerkannt wurde.

Wohlgemerkt, dieser Konsens wurde erzielt trotz der Verbrechen, die ‚unsere Väter, unsere Mütter’ (ein umstrittener Film-Dreiteiler im ZDF) begangen haben mögen.

Eine leidvolle Geschichte

Mein Vater ist in jenem Krieg gefallen, den er nicht gewollt hat. Meine Mutter hat unter schwierigen Verhältnissen im Nachkriegsdeutschland zwei Kinder durchgebracht – mit Anstand und Würde. Ich habe als kleiner Junge die Bombennächte im Bunker erlebt und erinnere mich noch an sie. Es gab auch Opfer in Deutschland, ganz gleich, wer den Krieg verschuldet hat – menschliches Leid will erst einmal ertragen sein, bevor sich die Schuldfrage stellt.

Noch mehr entsetzt mich, dass eine fragwürdige und bezweifelbare Politik der heute regierenden politischen Führung in unserem Land mit jener verbrecherischen Politik des Nazi-Deutschland verglichen wird. Angesichts der Millionen von Opfern einer irrsinnigen Rassenpolitik, die von einem teuflischen Propagandaminister ins Volk getragen wurde, kann ich nicht verstehen, will ich nicht verstehen, was manche der Medien in den gegenwärtigen Krisenländern der Eurozone an alten Klischees hervorholen, um die Deutschen anzuschwärzen. Da mögen sie uns noch so sehr versichern, dass ja nicht alle Deutschen gemeint seien, sondern nur die führenden Politiker, die sich gegenwärtig heftig darum bemühen, die sogenannte ‚Eurokrise’ – eigentlich ist es noch immer die Finanzkrise von 2007/2008, die schließlich eine globale Krise ist, auch wenn dies nicht immer augenfällig ist – zu bewältigen und nicht nur den Euro als Währung zu retten, sondern auch den ‚europäischen Gedanken’ trotz aller Anfeindungen hoch zu halten.

Eine Einladung

Bitte, kommt zu uns, die ihr in Deutschland Nazis an verantwortlicher Stelle am Ruder wähnt. Besucht die Gedenkstätten für die Opfer Nazi-Deutschlands in den ehemaligen Konzentrationslagern. Fahrt nach Buchenwald, Dachau etc. und schaut Euch die realistischen Darstellungen von Nazi-Verbrechen an, die es dort zu sehen gibt. Das bedarf keiner Fotomontagen, wie Ihr sie gegenwärtig in Euren Ländern zu sehen bekommt, denn weder Angela Merkel (Jahrgang 1954) noch Wolfgang Schäuble (Jahrgang 1942) sind mit den Nazis von damals zu verwechseln. Und wenn ihr von diesen Gedenkstätten des Holocaust nach Hause fahrt, dann erzählt denen, die es noch nicht wissen, dass wir nie wieder in unversöhnlichem Hass auf unsere Nachbarn losgelassen werden wollen. Nicht und niemals wieder – und das gilt für die überwältigende Mehrzahl der lebenden Deutschen. Und ebenso wenig möchten wir erleben, dass Andere, weder hier in unserem Land noch in anderen Ländern, Nazi-Embleme dazu benutzen, um Hass und Zwietracht zwischen unsere Völker zu sehen.

Wir älteren Deutschen haben durchaus noch erlebt, wie es sich anfühlt, wenn man für die Fehler seiner Führer in Breite haften muss. Auch wir mussten uns den Vorwurf gefallen lassen, dass wir  - das heißt unsere Väter und unsere Mütter – diese Politiker in legitimen, demokratischen Verfahren gewählt und an die Macht gebracht haben, die sich dann als das entlarvten, was die Geschichte uns überliefert: Verbrecher an der Menschheit in großem Stil. Nein, damit habt Ihr nichts zu tun. Eure Politiker mögen unfähig sein, sie mögen ein wenig Schmuh und Schmäh betrieben haben. Doch das wollen wir doch nicht mit dem vergleichen, was im Deutschland der 1930er Jahre abgelaufen ist.

Eine gemeinsame Verantwortung

Und doch! In einer Demokratie trägt jeder die Verantwortung für die Handlung seiner Regierung mit, ganz gleich, ob er sie gewählt hat oder nicht, ob er ihr noch traut oder nicht. Das liegt im Wesen der Demokratie begründet, doch das muss man wohl einem Griechen oder Zyprer nicht erklären. So mögt ihr mit Euch selbst unzufrieden sein, mit der Wahl, die ihr getroffen habt, und danach streben, es besser zu machen.

„Empört Euch!“, so, wie Stephane Hessel es der heutigen Jugend zugerufen hat – weltweit. Und seine Worte haben Gewicht, denn er hat seinerzeit für die französische Résistance gekämpft, als es lebensgefährlich war. Und er hat ein deutsches KZ überlebt, was nur wenigen gelang. Kämpft um eine bessere Aufklärung über die wahren Vorgänge in Eurem Land, wie wir für eine bessere Transparenz in unserem Land eintreten. Bemüht Euch darum, die Hintergründe wirklich zu verstehen, die zu den gegenwärtigen Krisenlagen in Euren Ländern führten.

Eine gemeinsame Zukunft

Und dann trefft die richtige Wahl, und übernehmt Verantwortung für Euer Handeln. Lasst Euch nicht so leicht manipulieren und für die durchsichtigen Ziele von Populisten aller Couleur einsetzen, die wie immer ihr eigenes Süppchen auf Eurem Herd der Emotionen kochen wollen.

Wenn Ihr so handelt, dann werden wir uns in Europa verständigen können und den Prozess der Verständigung fortsetzen können, den ‚unsere Mütter, unsere Väter’ seinerzeit begonnen haben. Und wir werden dann möglicherweise bessere Lösungen finden als die, die europäische Politiker – auch deutsche, aber nicht nur deutsche – zur Lösung der gegenwärtigen Finanzkrise (denn das ist sie noch immer!) aufbieten.

Was also haben wir in Deutschland, in Zypern, in Griechenland, Italien, Portugal und Spanien zu verlieren?

Den Glauben an eine gemeinsame Zukunft in einem geeinten Europa. Und das ist eine ganze Menge. Zu viel, um leichtfertig um billiger Effekte wegen aufs Spiel gesetzt zu werden.

 

 

RSS Feed